
von Sergio Bambaren, Quint Buchholz u. a.
Charlotte Bühl-Gramer* zu diesem Buch: Lebensgeschichtliches Erzählen ist niemals nur eine erinnernde Rückschau auf die eigene Vergangenheit. Es ist immer auch ein zeitlich-biographischer Vermittlungsakt zwischen den verschiedenen Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und ein Diskursraum zwischen der eigenen Person und ihrer sozialen Umwelt. Im Rückblick werden dabei die persönlichen Erinnerungen nachträglich in Form und Struktur gebracht. Denn erst der Zusammenhang der Lebensgeschichte, der sich in der Retrospektive einstellt, weist einzelnen Erlebnissen und Erfahrungen ihre Bedeutung zu. Im Lebensrückblick von Günther Kraus oszillieren die 18 kurzen Kapitel daher auch immer wieder zwischen einst und jetzt, aber auch zwischen dem vergangenen Geschehen und den Erinnerungsreflexen, den späteren Anreicherungen und Aufschichtungen der Erinnerung, die in die Gegenwart münden. Beides – Geschehenes und Erinnertes – ist nicht identisch, aber aufs Engste miteinander verwoben. Das „Andere“, „Frühere“ wieder aufsuchend, wird zur Gegenwart in Beziehung gesetzt und kann zeigen, wie und warum jemand so geworden ist, wie er ist. Retrospektive Verklärung, Larmoyanz oder gar eitle Selbstbespiegelung liegen Günther Kraus dabei völlig fern. Vielmehr wird das eigene Leben nicht nur in seiner sozialen Umwelt, sondern als tief in zeitgeschichtliche Kontexte eingebettet erfahren und erzählt – diese werden als erlebte und kommentierte Geschichte in der persönlichen Lebensgeschichte reflektiert. Das autobiografische Gedächtnis nimmt, gerade bei ihm, der 1965 bis 1970 in Erlangen Geschichte studiert und über 30 Jahre lang Geschichte unterrichtet hat, immer auch das historische Gedächtnis zu Hilfe, da die allgemeine Geschichte jene des eigenen Lebens umfasst und als in hohem Maße identitätsrelevant erfahren und beschrieben wird. „Zeitleben“ nennt Günther Kraus denn auch in seinem Vorwort diese Verknüpfung des eigenen, fortschreitenden und fortgeschrittenen Lebens mit Geschichte. Die eigene Lebensgeschichte als „Zeitleben“ zu fassen, bedeutet für ihn vor allem ein Stück weit eine generationelle Verortung des eigenen Lebens. Generation wird dabei in einer horizontalen und einer vertikalen Perspektive thematisiert: Im horizontalen Zugriff werden die eigenen Sozialisationsbedingungen, Erfahrungen und Erlebnisse auch als altersspezifische Ausprägung, als Teil einer kollektiven Erfahrung und daraus abgeleiteter Gegenwarts- und Zukunftsperspektive verstanden und geschildert. Als basale Erlebnisschicht und besonderes Zeitfenster beschreibt er vor allem Kindheit und Jugendjahre in der Nachkriegszeit. Sie nehmen in der Schilderung der Lebensgeschichte(n) den größten Raum ein. Eng damit verwoben ist auch die Thematisierung von Generation in vertikaler Perspektive: der Familie als zentrale Bezugsgröße der Kindheit. Diese Familie ist eine kleine, dreiköpfige, vaterlose Familie, auch dies eine generationelle Grunderfahrung jener Zeit: Etwa 25 % aller Kinder der Kriegs- und Nachkriegszeit wuchsen in Deutschland ohne Vater auf – Vaterlosigkeit war also ein Massenschicksal in einer Zeit, in der traditionelle Familienkonstellationen – zumal auf dem Land – noch fundamentale Bedeutung hatten. Die Leerstelle des nie gekannten Vaters kann dabei vom Sohn nicht mit Bildern oder Erinnerungen gefüllt werden und bleibt wohl auch gerade deshalb ein lebensbegleitendes Thema. Der biografisch-historische Erlebnisraum umfasst die alltags- und mentalitätsgeschichtliche Mikrohistorie des dörflichen Lebens in den 1940er und 1950er Jahren, aber auch die Wahrnehmung und Prägung durch die „große“ Geschichte der 1960er Jahre, die als „spannende Jahre“, aber auch als „Angstereignisse“ bezeichnet und erlebt werden. Das zeitgeschichtliche Panorama reicht dabei von der Erinnerung des Elfjährigen an die Entlassung der Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion im Jahr 1955 bis in die späten 1960er Jahre. Sie werden als Zeit des Aufbruchs, als entscheidende Jahre der eigenen politischen Sozialisation sowie als Fundament für die eigene gesellschaftliche Selbstverortung thematisiert. Diese ist getragen von einem hohen Ethos von Verantwortung, gesellschaftlichem und bürgerschaftlichem Engagement. Die durchaus auch von Zufällen geprägte Entscheidung für den Lehrerberuf erscheint dem Leser dabei als konsistenter Weg. Der biografische Erfahrungsraum, der hier abgeschritten wird, kann ebenfalls ein Stück weit als generationenspezifisch gelesen werden: Er bleibt überschaubar, geht über Mittelfranken nicht hinaus. Erstreckt er sich doch – jenseits von Urlaubserlebnissen – zwischen der Kindheit im Dorf Thalmässing, der Studienzeit in Erlangen und dem Wohn- und Arbeitsort Nürnberg in seiner längsten Ausdehnung auf einer Achse von gerade einmal 75 Kilometern. Vor allem die Kindheitsgeschichte(n) aus Thalmässing, einem Dorf, das 1946 1.680 Einwohner zählte, schildern ein ländliches Milieu, das spätestens seit den 1970er Jahren zu verschwinden beginnt. Der Schriftsteller Godehard Schram
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