
von Edith Wharton
Edith Whartons Das Riff (1912) entfaltet eine präzise komponierte Tragödie der verfehlten Erkenntnis: Der Diplomat George Darrow sucht die verwitwete Anna Leath auf, gerät jedoch zuvor in eine kurze Affäre mit Sophy Viner, deren spätere Verlobung mit Annas Stiefsohn Owen die fragile Ordnung zerstört. Wharton verbindet psychologischen Realismus mit der kühlen Eleganz des Gesellschaftsromans; im Umfeld Henry James' untersucht sie Andeutung, Schweigen und moralische Mehrdeutigkeit als Kräfte, die Beziehungen ebenso formen wie äußere Konventionen. Edith Wharton, 1862 in eine wohlhabende New Yorker Familie geboren, kannte die Rituale und Härten der Oberschicht aus eigener Erfahrung. Ihre unglückliche Ehe, ihre lange Bindung an Europa und ihr kritischer Blick auf weibliche Abhängigkeit schärften ihr Verständnis für jene sozialen Mechanismen, die individuelles Begehren disziplinieren. Das Riff spiegelt diese biographische Sensibilität: Es zeigt, wie Vergangenheit, Klasse und Geschlecht intime Entscheidungen unbarmherzig bestimmen. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die einen subtilen, intellektuell anspruchsvollen Roman über Liebe, Schuld und Selbsttäuschung suchen. Wharton bietet keine einfachen Urteile, sondern eine meisterhafte Analyse menschlicher Verstrickung, deren leise Dramatik lange nachwirkt.
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