
von Valerie Tracqui, Bourgoing, Pascale de, Sylvaine Peróls u. a.
Der Marienkäfer ist eine konzentrierte Novelle aus D. H. Lawrences Nachkriegsphase, in der private Leidenschaft, gesellschaftliche Erstarrung und die Erschütterungen des Ersten Weltkriegs ineinandergreifen. Im Mittelpunkt steht eine aristokratische englische Frau, deren Begegnung mit einem verwundeten ausländischen Offizier ihre Ehe, ihre moralischen Sicherheiten und ihr Verständnis von Begehren in Frage stellt. Lawrence verbindet psychologische Genauigkeit mit symbolischer Verdichtung; der Marienkäfer wird zum Zeichen einer dunklen, instinktiven Lebensmacht. Stilistisch steht der Text im Kontext der literarischen Moderne, doch bleibt er erzählerisch zugänglicher als viele zeitgenössische Experimente. D. H. Lawrence, 1885 in Nottinghamshire geboren, kannte die Spannungen zwischen Herkunft, Klasse, Körperlichkeit und geistigem Anspruch aus eigener Erfahrung. Seine Ehe mit der Deutschen Frieda von Richthofen, die Kriegsjahre unter politischem Misstrauen und seine Abwendung von industrieller Zivilisation prägten sein Denken nachhaltig. Der Marienkäfer spiegelt diese biographischen Konflikte: Misstrauen gegenüber Konvention, Faszination für elementare Bindung und die Suche nach einer erneuerten menschlichen Ganzheit. Empfohlen sei dieses Buch allen Leserinnen und Lesern, die Lawrence jenseits seiner berühmtesten Romane kennenlernen möchten. Die Novelle bietet ein dichtes, beunruhigendes und intellektuell ergiebiges Beispiel seiner Kunst, erotische Erfahrung als philosophische und kulturelle Herausforderung zu deuten.
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