
von Adalbert Stifter
Adalbert Stifters Der Nachsommer gilt als einer der eigentümlichsten Bildungsromane des 19. Jahrhunderts: weniger von dramatischer Handlung als von geduldiger Anschauung, Ordnung und sittlicher Verfeinerung getragen. Im Mittelpunkt steht Heinrich Drendorf, dessen Begegnung mit dem Freiherrn von Risach und dem Rosenhaus ihn in eine Welt der Kunst, Naturkunde, Architektur und maßvollen Lebensführung einführt. Stifters klare, scheinbar ruhige Prosa verbindet bürgerlichen Realismus, klassizistische Formidee und spätromantische Naturverehrung zu einem Programm harmonischer Bildung. Stifter, 1805 in Böhmen geboren, war Schriftsteller, Maler, Pädagoge und Schulinspektor; seine Erfahrung mit Unterricht, Naturbeobachtung und bildender Kunst prägt diesen Roman bis in die kleinste Beschreibung. Nach den politischen Erschütterungen von 1848 suchte er in der sanften Ordnung des Alltäglichen ein Gegenbild zu Gewalt, Hast und Zerrissenheit. Der Nachsommer formuliert daher nicht bloß eine Lebensgeschichte, sondern Stifters ästhetisch-moralisches Ideal einer kultivierten Menschlichkeit. Empfohlen sei dieses Buch allen Leserinnen und Lesern, die Literatur nicht nur als Ereignisfolge, sondern als Schule des Sehens verstehen. Wer sich auf sein langsames Tempo einlässt, entdeckt ein Hauptwerk deutscher Prosa: anspruchsvoll, meditativ und von stiller Radikalität.
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