
von Barbara Bartos-Höppner, Thomas Tippner u. a.
Julius Wolffs Der Rattenfänger von Hameln gestaltet die niedersächsische Sage vom geheimnisvollen Pfeifer, der erst die Stadt von ihrer Plage befreit und nach verweigertem Lohn ihre Kinder entführt, zu einer erzählerisch weit ausgreifenden Dichtung. In kunstvoll gebundener, volkstümlich klingender Sprache verbindet Wolff Balladenton, historische Koloritmalerei und romantische Moralkritik. Der Stoff erscheint nicht bloß als Schauerlegende, sondern als Reflexion über Vertrag, Schuld, bürgerlichen Eigennutz und die Macht der Musik im Kontext des historisierenden Realismus des 19. Jahrhunderts. Julius Wolff (1834-1910), aus Quedlinburg stammend, war zunächst technisch und kaufmännisch ausgebildet, bevor er sich als Verfasser vielgelesener historischer Verserzählungen etablierte. Seine Nähe zum Harz, zu mitteldeutschen Landschaften und zur lokalen Überlieferung prägte sein literarisches Interesse an sagenhaften Stoffen. Wolffs Werk verrät den Bildungsanspruch des bürgerlichen Zeitalters: Geschichte und Legende sollten unterhalten, zugleich aber sittliche und kulturelle Erinnerung stiften. Empfohlen sei dieses Buch Leserinnen und Lesern, die Sagen nicht als naive Märchen, sondern als vielschichtige Speicher sozialer Erfahrung verstehen möchten. Wolffs Fassung bietet Spannung, melodische Anschaulichkeit und einen bemerkenswerten Blick auf städtische Verantwortung. Wer deutsche Literaturgeschichte, romantische Traditionsbildung oder die Wandlungen des Hamelner Mythos erkunden will, findet hier eine gelehrte, doch zugängliche Lektüre.
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