
Die arme Kleine entfaltet in knapper erzählerischer Form das Schicksal eines Kindes, dessen Bedürftigkeit es den Blicken, Urteilen und Wohltaten der Erwachsenen aussetzt. Marie von Ebner-Eschenbach verbindet dabei psychologische Genauigkeit mit sozialer Beobachtung: Armut erscheint nicht als bloßer Hintergrund, sondern als Prüfstein für Mitgefühl, Selbstgerechtigkeit und moralische Verantwortung. Im Kontext des österreichischen Realismus steht die Erzählung für eine Literatur, die ohne Sentimentalität rührt und durch feine Ironie gesellschaftliche Verhältnisse sichtbar macht. Marie von Ebner-Eschenbach, 1830 auf Schloss Zdislawitz geboren und in aristokratischen Kreisen erzogen, kannte die sozialen Abstufungen der Habsburgermonarchie aus unmittelbarer Anschauung. Gerade diese Herkunft schärfte ihren Blick für Abhängigkeit, Standesdünkel und die begrenzten Handlungsmöglichkeiten von Frauen und Kindern. Ihr Werk ist von humanistischer Ethik, Skepsis gegenüber Konventionen und einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit geprägt. Empfohlen sei Die arme Kleine allen Leserinnen und Lesern, die erzählerische Präzision, moralische Tiefe und historische Sozialkritik schätzen. Die Erzählung zeigt, wie große Literatur im Kleinen wirkt: durch Aufmerksamkeit für verletzbares Leben und durch die stille Frage, was echte Menschlichkeit bedeutet.
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