
Die Bettlerin vom Pont des Arts entfaltet eine kunstvoll komponierte Novelle, in der die Pariser Brücke zum Schwellenraum zwischen Elend, Kunst und gesellschaftlicher Verstellung wird. Hauff verbindet romantische Spannung, sentimentale Empfindsamkeit und präzise Beobachtung urbaner Milieus; hinter der scheinbaren Anekdote einer geheimnisvollen Bettlerin treten Fragen nach Identität, Erinnerung und moralischer Wahrnehmung hervor. Im literarischen Kontext der Spätromantik und des frühen Biedermeier zeigt der Text bereits eine auffallende Nähe zur sozialen Novelle. Wilhelm Hauff, 1802 in Stuttgart geboren und 1827 früh verstorben, war Theologe, Hauslehrer, Redakteur und einer der beweglichsten Erzähler seiner Generation. Seine Erfahrung mit Bildungskreisen, Theater, Reiselektüre und historischen Stoffen erklärt die kosmopolitische Anlage dieser Erzählung. Wie in seinen Märchen und historischen Prosawerken interessiert ihn das Spiel der Rollen: Armut, Adel, Kunstsinn und Täuschung erscheinen als Masken einer instabilen Welt. Empfohlen sei dieses Buch Lesern, die Hauff nicht nur als Märchendichter, sondern als scharfsinnigen Novellisten entdecken möchten. Die Erzählung bietet atmosphärische Dichte, psychologische Neugier und kulturgeschichtlichen Reiz in seltener Geschlossenheit.
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