
von Daniel Frost
Wenn ein Dorf abgebaggert wird, ziehen auch die Toten um und wer die Protokolle schreibt, entscheidet, wer in welchem Sarg liegt. Lausitz, Oktober 2026. Fünfundzwanzig Jahre nach der letzten Kohleschicht steigt das Grundwasser in der ausgekohlten Grube wieder an. Aus dem Tagebau wird ein See, aus einer Mondlandschaft eine Tourismusregion, und im Frühjahr soll gefeiert werden. Nur steigt das Wasser nicht nur im Loch. Es steigt auch unter dem Dorf, das man 1987 als Ersatz für das abgebaggerte Wolschow gebaut hat. Es steigt in die Keller. Und es steigt in den Friedhof. Zweihundertelf Gräber müssen ein zweites Mal verlegt werden. Hanka Sabrodt, einundvierzig, Leiterin des Ortsarchivs, ist dabei, weil jemand die alten Nummern mit den neuen abgleichen muss. In Grab siebenundvierzig liegen zwei Schädel. Der eine gehört einem Landwirt, gestorben 1979. Der andere gehört einer Frau von etwa zwanzig Jahren. Hanka ist keine Ermittlerin. Sie hat Findbücher, Karteikarten und zweiundzwanzig Regalmeter Papier, und sie hat vier Wochen, bis der See seinen Endwasserstand erreicht und das alte Dorf für immer unter dem Spiegel liegt. Was sie finden will, ist ein Name. Was sie findet, ist die Frage, warum vierhundertachtunddreißig Menschen neununddreißig Jahre lang dieselbe Geschichte erzählt haben und warum niemand sie je nachgeprüft hat. Ein Kriminalroman ohne Serienmörder, ohne Verfolgungsjagd und ohne einen einzigen Schuss: ruhig, genau und bis zur letzten Seite nicht loszulegen. Ein Buch über eine Landschaft, die zweimal gemacht wurde, über eine Gemeinschaft, die freundlich schweigt, und über die einzige Frage, die niemand stellen wollte.
Sortiert nach Gesamtpreis inkl. Versand, sofern verfügbar.
Weitere Werke desselben Verfassers.
Ab 13,00 €
Werke aus verwandten Genres.