
von Ansgar Gebhard
In Sankt Joseph wird niemand vernichtet. Man begleitet, klärt, moderiert – und reicht hinterher Kräutertee.Als ein Gerücht über Konrad Mehring seinen Weg durch Flure, Teeküchen und Besprechungsräume findet, braucht es bald keine Beweise mehr. Andeutungen werden zu Wahrnehmungen, Schweigen wird zum Eingeständnis und Fürsorge zur Waffe. Konrad verliert seine berufliche Stellung, seine Ehe zerbricht, und aus einem Menschen wird ein Vorgang.Während die Verantwortlichen ihre Entscheidungen hinter Begriffen wie Schutz, Haltung und Prozess verbergen, beginnt Konrad zu begreifen, dass er sich nicht aus jedem Verdacht herauserklären kann. Erst als eine junge Kollegin ihr Schweigen bricht und die Sprache der Einrichtung vor Gericht plötzlich konkrete Gründe liefern muss, gerät die sorgfältig gepflegte Ordnung ins Wanken.Doch eine späte Rehabilitierung gibt Konrad nicht zurück, was er verloren hat. Sein eigentlicher Kampf gilt längst etwas anderem: seinem Namen, seiner Würde und der Frage, wie ein Mensch weitergeht, wenn die Wahrheit zwar festgestellt wird, aber nichts mehr ungeschehen macht.„Die Leute von St. Joseph“ ist ein bitterböser, sprachlich pointierter Gesellschaftsroman über Gerüchte, institutionelle Feigheit und die leise Gewalt gut gemeinter Worte – voller schwarzem Humor, menschlicher Abgründe und genauer Beobachtungen.
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