
von Adalbert Stifter
Die Mappe meines Urgroßvaters entfaltet sich als kunstvoll gerahmte Familienchronik, in der aufgefundene Aufzeichnungen eines Ahnen zum Medium historischer Selbstbefragung werden. Stifter verbindet Erzählung, Memoirenfiktion und moralphilosophische Betrachtung zu einer Prosa der behutsamen Beobachtung: Landschaft, Hauswesen und ärztliche Praxis erscheinen nicht als bloße Kulisse, sondern als Ordnungen, in denen Charakter und Schicksal lesbar werden. Im Kontext des österreichischen Biedermeier und des poetischen Realismus steht das Fragment für eine stille, doch anspruchsvolle Kunst der Maßhaltung. Adalbert Stifter, 1805 im böhmischen Oberplan geboren, war Schriftsteller, Maler, Pädagoge und Schulinspektor. Seine Herkunft aus der Grenzlandschaft des Böhmerwaldes, seine naturkundliche Genauigkeit und sein erzieherisches Ethos prägen dieses Werk unverkennbar. Die Beschäftigung mit Erinnerung, Herkunft und sittlicher Bildung erklärt, warum Stifter die Form einer überlieferten Mappe wählte: Sie erlaubt ihm, individuelles Leben als Teil größerer genealogischer und moralischer Zusammenhänge zu lesen. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die nicht Handlungssensation, sondern geistige Vertiefung suchen. Wer Stifters langsame Genauigkeit annimmt, entdeckt ein Werk von großer atmosphärischer Dichte, das Familiengeschichte, Naturanschauung und ethische Reflexion eindrucksvoll verschränkt.
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