
Demokratie ist keine bloße Herrschaftsform. Sie ist eine anspruchsvolle Sozialordnung, die auf spezifischen anthropologischen, kulturellen und institutionellen Voraussetzungen beruht. Sie verlangt Urteilskraft, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktfähigkeit und die Fähigkeit, Differenz auszuhalten. Ohne diese Dispositionen bleibt sie zwar formal bestehen, verliert jedoch ihre Substanz. Es bedarf keiner offenen Systembrüche, um demokratische Strukturen zu schwächen; vielmehr lässt sich eine stille Transformation jener Voraussetzungen beobachten, auf die Demokratie angewiesen ist. Wo jedoch Entscheidungsprozesse hochgradig spezialisiert und technisch vermittelt sind, wird politische Teilhabe zunehmend symbolisch. Beteiligung verschiebt sich von aktiver Mitgestaltung zu reaktiver Zustimmung oder Ablehnung. In einer Gesellschaft, die Reibung reduziert und Widersprüche nivelliert, aber Komfort systematisch steigert, wird die Bereitschaft, sich öffentlich einzubringen, geschwächt und die Bequemlichkeit gefördert. Der wachsende Komfort kann unmerklich zur strukturellen Entmündigung der Bürger beitragen, denn die Notwendigkeit, komplexe Situationen eigenständig zu durchdenken, scheint abzunehmen. Gerade deshalb ist die Gefährdung der Demokratie so schwer wahrnehmbar und führt mit der Zeit zu einem Gefühl der Gewöhnung; gerade deshalb bedarf sie der engagierten Analyse.
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