
von Jean Paul
Flegeljahre, 1804/05 erschienen und unvollendet geblieben, kreist um den sanften Notarssohn Walt und seinen scharfzüngigen Zwillingsbruder Vult, deren Erbschaft an Prüfungen, Maskenspiele und moralische Experimente gebunden ist. In der Liebe zu Wina und im Kontrast der Brüder entfaltet Jean Paul keinen klassischen Bildungsroman, sondern dessen ironische Gegenform: Abschweifung, satirische Miniatur, lyrische Empfindsamkeit und philosophischer Witz sprengen jede lineare Reifung. Das Buch steht zwischen Spätaufklärung, Empfindsamkeit und Romantik und verwandelt Lebensbildung in ein problematisches, oft komisches Verfahren. Jean Paul, eigentlich Johann Paul Friedrich Richter (1763-1825), kannte prekäre Herkunft, Studium, Hauslehrerdasein und die literarischen Debatten seiner Zeit aus eigener Erfahrung. Seine Skepsis gegenüber glatten Entwicklungsmodellen, seine Beobachtung sozialer Masken und sein Interesse an Innerlichkeit, Humor und moralischer Phantasie nähren diesen Roman. Die Zwillingsfigur erlaubt ihm, eigene Spannungen zwischen Schwärmerei und Spott, Gefühl und Intellekt dramatisch zu entfalten. Empfohlen sei Flegeljahre Leserinnen und Lesern, die erzählerische Kühnheit mehr schätzen als Handlungsglätte. Wer den modernen Roman vor seinen modernen Namen entdecken will, findet hier ein virtuoses, anspruchsvolles und überraschend gegenwärtiges Werk über Identität, Erziehung und die Unabschließbarkeit des Lebens.
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