
von Mara Steinwald
Es gab eine Zeit, in der Europa nicht mehr Subjekt der Weltgeschichte war, sondern ihr Schauplatz. Das Ende des Zweiten Weltkriegs hinterließ keinen Frieden — es hinterließ eine Tektonik, in der zwei außereuropäische Mächte die Koordinaten der politischen Realität neu definierten. Was Washington und Moskau "Ordnung" nannten, war aus europäischer Perspektive eine Form der organisierten Abhängigkeit, in der Souveränität als Prinzip anerkannt und als Praxis eingeschränkt wurde. Der Kalte Krieg war für Europa kein Exportprodukt. Er fand auf seinem Boden statt, in seinen Städten, in den Biografien seiner Bevölkerungen. Die ideologische Dimension dieses Konflikts war tiefer als sein militärisches Erscheinungsbild. Kapitalismus und Kommunismus waren keine bloßen Wirtschaftssysteme — sie waren konkurrierende Antworten auf die Frage, wie Gesellschaft organisiert werden sollte, wem Ressourcen gehören, wer Entscheidungen trifft und welche Form von Würde dem Einzelnen zugestanden wird. Diese Konkurrenz verlief nicht nur entlang von Grenzen. Sie verlief durch Institutionen, Universitäten, Gewerkschaften und Kulturpolitiken. In der Bundesrepublik wie in Frankreich, in Italien wie in Spanien war die Frage, auf welcher Seite man stand, keine abstrakte Positionierung. Sie war eine Entscheidung über Lebensform. Die Doktrin der Gegenseitigen Gesicherten Vernichtung — MAD — war kein Gleichgewicht im philosophischen Sinne.
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