
von Sven Leist
Das Leben von Rosalie Cohn, geb. Michalis aus Friesack, steht exemplarisch für das Schicksal so vieler jüdische Menschen, deren Lebenswege durch Verfolgung, Entrechtung und Beraubung gewaltsam beendet wurden. Was in der märkischen Kleinstadt als Teil einer selbstverständlichen bürgerlichen Existenz begann, endete in Isolation, Ausgrenzung und schließlich völligem Ausgeliefertsein an ein unmenschliches System. Doch anders als die Täter beabsichtigten, ist Rosalie Cohn nicht namenlos geblieben. Ihre Briefe, ihre Spuren in Archiven und die Erinnerungen ihrer Nachkommen widersprechen dem Versuch, sie aus der Geschichte zu tilgen. Sie geben Einblick in ein Leben voller Würde, Fürsorge und Hoffnung – selbst unter den Bedingungen, die diese Menschlichkeit systematisch zerstören sollten. Gerade, weil in Friesack keine sichtbaren Erinnerungszeichen wie Stolpersteine existieren, kommt der Auseinandersetzung mit einzelnen Lebensgeschichten eine besondere Bedeutung zu. Sie macht aus anonymen Zahlen wieder Menschen, aus Daten wieder Schicksale. Die Erinnerung an Rosalie Cohn ist deshalb mehr als ein Blick in die Vergangenheit. Sie ist eine Verpflichtung für die Gegenwart – und ein Auftrag an die Zukunft: die Namen zu bewahren, die Geschichten zu erzählen und dem Vergessen keinen Raum zu lassen.
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