
von Pedro Barceló, Jan-Markus Kötter u. a.
Christian Dietrich Grabbes "Hannibal" ist ein spätes historisches Drama, das den karthagischen Feldherrn nicht als triumphierenden Sieger, sondern als politisch isolierte, geschichtlich überholte Größe zeigt. Im Zentrum steht weniger die Schlacht als der Nachhall des Zweiten Punischen Krieges: Macht, Verrat, Staatsräson und die unaufhaltsame Expansion Roms. Grabbe verbindet pathetische Geschichtsvision mit schroffer Szenenführung, ironischen Brechungen und einer bewusst unklassischen Dramaturgie, die zwischen Tragödie und modernem Geschichtsdrama steht. Grabbe, 1801 in Detmold geboren und 1836 früh verstorben, gehört zu den eigenwilligsten Dramatikern zwischen Spätromantik, Vormärz und frühem Realismus. Seine juristische Ausbildung, seine Erfahrung provinzieller Enge, seine Bewunderung für Shakespeare und seine Skepsis gegenüber idealisierenden Geschichtsbildern prägen auch "Hannibal". In der Gestalt des großen, doch scheiternden Strategen konnte Grabbe eigene Themen verdichten: Genie und Ohnmacht, historische Notwendigkeit und persönliche Vereinzelung. Dieses Drama empfiehlt sich Lesern, die Geschichtsdichtung nicht als museale Rekonstruktion, sondern als radikale Befragung politischer Macht verstehen. "Hannibal" eröffnet einen Blick auf Grabbe als kühnen Erneuerer des deutschen Dramas und als Autor, dessen spröde Modernität bis heute herausfordert.
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