
von Edward Elmer
Jan Ullrich wurde 1973 in der DDR geboren. Ein Junge aus einem kleinen Dorf, ohne Vater und mit einem geliehenen Fahrrad. Das kommunistische Sportsystem erkannte sein Talent früh und förderte ihn. Mit 23 Jahren stand er auf den Champs-Élysées in Paris im Gelben Trikot. Der erste Deutsche, der jemals die Tour de France gewann.Er siegte mit neun Minuten Vorsprung. Er gewann olympisches Gold. Er gewann die Vuelta a España. Über Nacht wurde er zum größten Sportstar Deutschlands. Alle sagten voraus, er würde den Radsport ein Jahrzehnt lang dominieren.Es kam anders.Stattdessen wurde Jan Ullrich der Mann, der Zweiter wurde. Fünfmal bei der Tour de France. Immer hinter Lance Armstrong. Immer nah dran, aber nie nah genug. Der talentierteste Fahrer seiner Generation, der sein Talent nie in die erwarteten Siege ummünzen konnte.Dann kam der Dopingskandal, der seine Karriere beendete. Dann folgten die Jahre der Verleugnung. Dann kamen der Alkohol, die Sucht, die Verhaftungen und die psychiatrische Klinik. Der Wunderknabe von 1997 wäre zwanzig Jahre später beinahe in einem Hotelzimmer gestorben.Dies ist die Geschichte eines Mannes, der alles hatte und fast alles verlor. Ein Mann, der von einem System geprägt wurde, das ihm Disziplin beibrachte, ihm aber nie beibrachte, ohne sie zu leben. Ein Mann, der zwanzig Jahre lang log und sich beinahe von den Lügen umbringen ließ, bevor er endlich die Wahrheit sagte.
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