
Katharina II: Russische Hofgeschichten entfaltet ein Panorama des Petersburger Hofes, in dem Machtpolitik, Günstlingswesen und intime Leidenschaften unauflöslich ineinandergreifen. Sacher-Masoch verbindet historische Anekdote und psychologische Novellistik; sein Stil ist zugleich detailfreudig, szenisch zugespitzt und von jener kühlen Ironie geprägt, die höfische Pracht als Maske politischer Gewalt erkennbar macht. Im Kontext des historischen Erzählens des 19. Jahrhunderts erscheint Katharina als Herrscherin zwischen Aufklärungspathos und autokratischer Willkür. Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895), in Lemberg geboren und von der multiethnischen Kultur Galiziens geprägt, war zeitlebens ein Chronist osteuropäischer Grenzräume. Seine Beschäftigung mit Adel, Leibeigenschaft, weiblicher Souveränität und erotisch grundierten Machtverhältnissen liefert den geistigen Hintergrund dieser Hofgeschichten. Nicht Sensationslust allein, sondern ein historisch geschärftes Interesse an Herrschaft, Abhängigkeit und Inszenierung dürfte ihn zu diesem Stoff geführt haben. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die historische Prosa nicht als bloße Kostümierung, sondern als Analyse gesellschaftlicher Kräfte verstehen. Wer die Ambivalenz imperialer Größe, die Mechanik des Hofes und die literarische Kunst der verdichteten Szene schätzt, findet hier eine kluge, atmosphärische und irritierend moderne Lektüre. Sie lädt dazu ein, Katharinas Epoche jenseits von Legende und Anklage neu zu betrachten.
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