
von J. J. C. Donner, Sophocles u. a.
Sophokles' "König Ödipus" entfaltet die tragische Untersuchung einer Stadtkrise: Theben leidet unter der Pest, und sein König sucht mit unerbittlicher Vernunft den Schuldigen, der sich am Ende als er selbst erweist. In strenger dramatischer Ökonomie verbindet das Stück detektivische Erkenntnisbewegung, kultische Schuldfrage und dichterische Verdichtung. Als Höhepunkt der attischen Tragödie gestaltet es den Konflikt zwischen menschlicher Erkenntniskraft, göttlichem Orakel und unausweichlicher Vergangenheit. Sophokles, einer der drei großen Tragiker Athens, schrieb im 5. Jahrhundert v. Chr. für ein Publikum, das politische Verantwortung, religiöse Ordnung und bürgerliche Selbstprüfung unmittelbar miteinander verband. Seine Erfahrung in öffentlichen Ämtern und seine Vertrautheit mit mythischer Überlieferung erklären die außerordentliche Präzision, mit der er Herrschaft, Wahrheitssuche und Selbstverblendung dramatisiert. Ödipus ist bei ihm kein bloß Schuldiger, sondern ein denkender Mensch, dessen Größe gerade in der Bereitschaft zur Aufdeckung liegt. Dieses Drama empfiehlt sich allen Lesern, die Literatur als Erkenntnisinstrument begreifen. "König Ödipus" bleibt unerlässlich für das Verständnis europäischer Poetik, Tragödientheorie und moderner Fragen nach Identität, Verantwortung und Wissen. Seine Wirkung ist unvermindert, weil es zeigt, wie gefährlich und notwendig Wahrheit zugleich sein kann.
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