
von Elena Nordhagen
Europa zwischen dem Wiener Kongress und dem Sommer 1914 ist kein Zeitalter des Fortschritts. Es ist ein Zeitalter der Spannung — einer Spannung, die sich über ein Jahrhundert aufbaut, durch Fabriken und Klassenkämpfe, durch Eisenbahnnetze und Kolonialverträge, bis sie sich in einem Krieg entlädt, den die Beteiligten gleichzeitig geplant und nicht begriffen hatten. Der Aufstieg der industriellen Lohnarbeiterschaft war kein linearer Emanzipationsprozess. Er war ein sozialer Bruch. Die alten Ordnungen des Grundbesitzes und der Standesgesellschaft erodierten nicht, weil sie moralisch überholt waren. Sie erodierten, weil die Fabrik eine neue Anthropologie des Gehorsams und der Erschöpfung schuf, die weder der Adel noch die Kirche einzuhegen vermochten. Die Industrialisierung veränderte nicht nur Produktionsverhältnisse — sie veränderte die europäische Geographie des Bewusstseins. Die Eisenbahn verband, was getrennt war; der Telegraf beschleunigte, was früher Zeit gehabt hatte, sich zu klären. Städte wuchsen nicht, weil irgendjemand es so entschieden hatte, sondern weil Millionen von Menschen keine andere Wahl mehr hatten. Die Massenurbanisierung war weniger Zeichen einer aufsteigenden Zivilisation als Symptom eines Systems, das seine eigene Geschwindigkeit nicht mehr steuern konnte. Am Ende dieses Jahrhunderts stand ein Kontinent, der militärisch hochgerüstet, ideologisch zerstritten und diplomatisch überforderter war, als seine Kabinette zugaben.
Sortiert nach Gesamtpreis inkl. Versand, sofern verfügbar.
Weitere Werke desselben Verfassers.
Maße: x21.0 x29.7 cm
Werke aus verwandten Genres.