
"Maß für Maß" gehört zu Shakespeares sogenannten Problemstücken und verbindet Komödie, Tragödie und moralphilosophisches Drama zu einer scharfsinnigen Untersuchung von Recht, Begehren und Macht. Im Wien des Stücks überträgt der Herzog die Regierung an den strengen Angelo, dessen rigorose Sittenpolitik bald an der eigenen Begierde zerbricht. Die Sprache wechselt zwischen juristischer Präzision, theologischer Reflexion und volkstümlicher Derbheit; gerade diese stilistische Spannung macht das Werk zu einem Schlüsseltext der frühen Moderne. William Shakespeare, geprägt vom elisabethanischen und jakobäischen Theater, schrieb in einer Zeit intensiver Debatten über Souveränität, religiöse Ordnung und öffentliche Moral. Seine genaue Kenntnis der Bühne, der höfischen Politik und der urbanen Lebenswelten Londons ermöglicht ihm, abstrakte Fragen in dramatisch wirksame Konflikte zu übersetzen. "Maß für Maß" zeigt besonders deutlich sein Interesse an der Brüchigkeit menschlicher Urteile und an den Gefahren moralischer Selbstgewissheit. Dieses Stück empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die Shakespeare nicht nur als Meister poetischer Rede, sondern als analytischen Denker gesellschaftlicher Institutionen entdecken möchten. Es fordert einfache Urteile heraus und bleibt gerade deshalb überraschend gegenwärtig.
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