
Ricarda Huchs "Michael Unger" entfaltet die innere Geschichte eines Menschen, der an den Zumutungen moderner Existenz reift und zugleich an ihnen leidet: Gewissen, Liebe, gesellschaftliche Bindung und geistiger Anspruch geraten in ein spannungsvolles Verhältnis. Der Roman verbindet psychologische Genauigkeit mit einer verdichteten, bisweilen lyrischen Prosa und steht im Kontext des deutschsprachigen Fin de Siècle, zwischen realistischem Gesellschaftsbild, neuromantischer Innerlichkeit und Bildungsroman. Huch, 1864 in Braunschweig geboren und als Historikerin wie Dichterin gleichermaßen bedeutend, schrieb aus einer seltenen Verbindung von gelehrter Distanz und leidenschaftlicher Anteilnahme. Ihre Studien zur Romantik, ihr historisches Denken und ihre Erfahrung weiblicher Selbstbehauptung in einer akademisch männlich geprägten Welt schärften den Blick für Menschen, die gegen Konventionen nach geistiger Wahrheit suchen. Diese Sensibilität prägt auch die Figur Michael Unger. Empfohlen sei das Buch allen Leserinnen und Lesern, die nicht bloß Handlung, sondern geistige Bewegung suchen. Huchs Roman verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie aber mit einer eindringlichen Analyse seelischer Konflikte und einer Sprache von hoher gedanklicher Kultur.
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