
von Johannes Schlaf
Johannes Schlafs Mutter Lise entwirft das eindringliche Bild einer Frau, deren mütterliche Fürsorge im Spannungsfeld von Armut, Pflicht und alltäglicher Entsagung steht. Die Erzählung gewinnt ihre Wirkung weniger aus äußerer Handlung als aus der genauen Beobachtung von Milieu, Gesten und Sprache. In der Tradition des deutschen Naturalismus verbindet Schlaf soziale Sensibilität mit einer stillen, psychologisch präzisen Prosa, die das Kleine und Gewöhnliche als Träger existenzieller Wahrheit sichtbar macht. Der 1862 in Querfurt geborene Johannes Schlaf gehörte zu den prägenden Gestalten der naturalistischen Bewegung. Gemeinsam mit Arno Holz entwickelte er den sogenannten Sekundenstil, der Wirklichkeit in minutiöser Unmittelbarkeit erfassen wollte. Seine Herkunft aus der mitteldeutschen Provinz, sein Interesse an einfachen Lebensverhältnissen und seine literarische Abkehr von idealisierender Beschönigung erklären die Nähe, mit der er Figuren wie Mutter Lise gestaltet. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die deutsche Literatur nicht nur als ästhetisches Ereignis, sondern auch als historische Wahrnehmungsform verstehen möchten. Mutter Lise ist eine leise, konzentrierte Lektüre über Würde, soziale Begrenzung und menschliche Bindung.
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