
von Mara Steinwald
Es gibt eine Annahme, die so tief in das europäische Selbstverständnis eingeschrieben ist, dass sie selten als Annahme erkannt wird: die Vorstellung, dass Fortschritt, Wohlstand und Zivilisation von West nach Ost wanderten. Diese Geschichte ist nicht falsch — sie ist schlicht unvollständig. Für die meisten Jahrhunderte menschlicher Aufzeichnung verlief der Strom in die entgegengesetzte Richtung. Die Seidenstraßen waren kein Handelsweg im engeren Sinne. Sie waren ein System von Abhängigkeiten — wirtschaftlicher, religiöser, philosophischer Natur — das Kontinente nicht verband, sondern voneinander abhängig machte. Gold und Silber zirkulierten entlang dieser Achsen nicht zufällig, sondern strukturell: Wer die Routen kontrollierte, bestimmte, welche Städte wuchsen, welche Religionen sich ausbreiteten, welche Dynastien überlebten. Samarkand, Merv und Bagdad waren nicht Randerscheinungen der Weltgeschichte. Sie waren ihr Zentrum. Auf denselben Wegen, die Seide und Gewürze trugen, bewegten sich Ideen mit einer Geschwindigkeit, die politische Grenzen ignorierten. Der nestorianische Christianismus erreichte die Tang-Dynastien, lange bevor Europa seinen eigenen Missionsauftrag formulierte. Der Islam verbreitete sich durch Kaufmannsvertrauen, nicht nur durch Heereszüge. Astronomische Erkenntnisse aus Persien und arabischer Gelehrsamkeit flossen in die europäische Wissenschaft des Mittelalters ein — ohne dass Europa die Herkunft dieser Erkenntnisse benennen wollte oder konnte.
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