
Jean Baptiste Racines "Phèdre" gehört zu den vollendetsten Tragödien des französischen Klassizismus. In streng komponierten Alexandrinern entfaltet das Stück den unheilvollen Konflikt zwischen Leidenschaft, Schuld und dynastischer Ordnung: Phèdre, Gemahlin des Theseus, liebt ihren Stiefsohn Hippolyte und gerät durch Schweigen, Geständnis und Intrige in eine moralische Katastrophe. Racines Stil verbindet psychologische Präzision mit rhetorischer Ökonomie; antike Stofftradition und höfische Affektkontrolle werden zu einer Analyse zerstörerischer Begierde verdichtet. Racine, 1639 geboren und am jansenistisch geprägten Port-Royal erzogen, war mit der antiken Tragödie ebenso vertraut wie mit den religiösen Debatten über Gnade, Sünde und menschliche Ohnmacht. Seine Nähe zum Hof Ludwigs XIV. schärfte zudem den Blick für Macht, Repräsentation und gesellschaftliche Zwänge. "Phèdre" erscheint so als Werk eines Autors, der mythologische Überlieferung, theologische Sensibilität und dramatische Formstrenge meisterhaft zusammenführt. Diese Ausgabe empfiehlt sich allen Leserinnen und Lesern, die ein Schlüsselwerk europäischer Theatergeschichte kennenlernen möchten. "Phèdre" bietet nicht nur klassische Schönheit, sondern eine bis heute berührende Untersuchung innerer Zerrissenheit. Wer Literatur als Erkenntnisform begreift, findet hier ein exemplarisches Drama von seltener Klarheit und Intensität.
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