
von Josef Haltrich
Diese Sammlung vereint 119 Volksmärchen der Siebenbürger Sachsen und erschließt eine Erzählwelt zwischen Zaubermärchen, Schwank, Legende und moralischer Exempelgeschichte. In ihrer knappen, mündlich grundierten Prosa bewahrt sie Formeln, Wiederholungen und regionale Färbungen, zugleich aber die ordnende Handschrift eines gelehrten Sammlers. Literarisch steht das Buch im Kontext der romantisch-philologischen Märchenforschung nach den Brüdern Grimm, erweitert diesen Kanon jedoch um die spezifische historische Erfahrung einer deutschen Minderheit im mehrsprachigen Siebenbürgen. Josef Haltrich, 1822-1886, war Lehrer, evangelischer Pfarrer und Volkskundler der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft. Seine Bildung an den Schulen des Sachsenlandes und seine Nähe zu Gemeindeleben, Predigt und Unterricht machten ihn besonders empfänglich für die Sprache und Vorstellungswelt einfacher Erzähler. Hinter der Sammlung steht daher nicht bloß antiquarische Neugier, sondern das Bestreben, ein bedrohtes Gedächtnis festzuhalten und kulturelle Selbstvergewisserung wissenschaftlich zu begründen. Empfohlen sei dieses Buch allen Leserinnen und Lesern, die Märchen nicht nur als Kinderlektüre, sondern als Dokumente sozialer, religiöser und sprachlicher Geschichte verstehen wollen. Es bietet erzählerischen Reiz, vergleichbares Material für die internationale Erzählforschung und einen seltenen Zugang zum Alltag, den Ängsten und Hoffnungen einer siebenbürgischen Kultur, deren Stimmen hier mit bemerkenswerter Klarheit fortleben.
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