
Das Gehirn kann durch vieles aus dem Takt geraten. Das zeigt, wie fragil unser »Ich« ist – und wie sehr das, was wir als unser Selbst erachten, auf der richtigen Verdrahtung und Entladung von Nervenzellen beruht. Bei Angststörungen zum Beispiel reagiert das Gehirn auf harmlose Reize übertrieben stark. Das Wissen nützt den Betroffenen herzlich wenig: Sie zittern, schwitzen und schreien etwa beim Anblick einer Spinne. Lange war unbekannt, was dabei im Oberstübchen vor sich geht. Mittlerweile weiß man: Angststörungen sind keine bloße Überempfindlichkeit, sondern Ausdruck konkreter Veränderungen im zentralen Nervensystem.Chronisch erhöhte Aktivität in Hirnarealen, die an der Emotionsverarbeitung beteiligt sind, findet man auch bei Borderline. Die Patientinnen und Patienten fügen sich mitunter Schnittverletzungen, Verbrennungen oder Schläge zu. Und das nicht ohne Grund: Der Schmerzreiz reduziert die Aktivität übersteuerter Hirnareale.Die Wissenschaft versteht also immer besser, warum psychische und neurologische Krankheiten entstehen – und was sich dagegen ausrichten lässt. So retten moderne Hirn-Computer-Schnittstellen die Sprache nach Schlaganfällen, neurobiologische Profile individualisieren die Therapie von Angststörungen, und mit manipulierten Hirnwellen im Schlaf will man dem »Neuronengewitter« bei Epilepsie beikommen.Wird man sie in Zukunft alle heilen können – die Leiden unseres Geistes?Eine erhellende Lektüre wünscht Anna Lorenzen, Spektrum der Wissenschaft.
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