
von Theodor Fontane
In "Stine: Berliner Frauenroman" entfaltet Theodor Fontane eine präzise Studie über Liebe, Stand und gesellschaftliche Unüberschreitbarkeit im Berlin des späten 19. Jahrhunderts. Die schlichte, sittlich gefestigte Ernestine Rehbein begegnet dem kränklichen Grafen Waldemar von Haldern; ihre Annäherung wird jedoch von Milieu, Familie und Konvention erstickt. Fontanes realistischer Stil verbindet dialogische Feinzeichnung, urbane Milieuschilderung und leise Ironie zu einer Sozialanalyse von bemerkenswerter Nüchternheit. Fontane, 1819 geboren, war Apotheker, Journalist, Kriegsberichterstatter und der bedeutendste Vertreter des poetischen Realismus in Preußen. Seine lange Beobachtung Berlins, seine Kenntnis aristokratischer wie bürgerlicher Lebensformen und sein spätes Interesse an weiblichen Schicksalen prägen diesen Roman. Wie in "Irrungen, Wirrungen" untersucht er nicht sentimentale Ausnahmefälle, sondern die alltägliche Macht sozialer Ordnungen über Gefühle. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die Fontanes Kunst der Andeutung, seine psychologische Genauigkeit und seine skeptische Humanität schätzen. "Stine" ist ein schmales, doch gehaltvolles Werk: weniger Liebesgeschichte als moralische Topographie einer Gesellschaft, in der persönliches Glück an Herkunft, Ruf und ökonomischer Abhängigkeit zerbricht.
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