
Joachim Ringelnatz' Turngedichte versammeln komische, oft grotesk zugespitzte Verse über Körperertüchtigung, Vereinsdisziplin und die pathetische Sprache des Turnens. Hinter scheinbar harmlosen Reimen entfaltet sich eine genaue Parodie bürgerlicher Selbstoptimierung: Marsch, Sprung und Kniebeuge werden zu poetischen Versuchsanordnungen. Der Stil verbindet Kabarett, Nonsens, Kinderliedton und scharfe Satire und steht damit im Umfeld der literarischen Moderne nach 1900. Ringelnatz, 1883 als Hans Bötticher geboren, war Seemann, Kabarettist, Zeichner und Außenseiter der etablierten Literatur. Seine Erfahrung mit Hierarchie, körperlicher Arbeit, Varietébühne und großstädtischer Bohème prägte den Blick auf ritualisierte Männlichkeit und gesellschaftliche Normen. Gerade deshalb erscheinen die Turngedichte nicht als bloße Ulkstücke, sondern als subversive Miniaturen eines Autors, der Disziplin und Freiheit gleichermaßen kannte. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die Ringelnatz jenseits seiner populären Seemannsgedichte entdecken möchten. Wer Sinn für Sprachwitz, präzise Beobachtung und die stille Anarchie kurzer Formen besitzt, findet hier ein konzentriertes Beispiel deutscher komischer Dichtung. Die Turngedichte zeigen, wie leicht ein geregelter Körper ins Stolpern gerät, sobald Poesie ihn betrachtet.
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