
von Simone Weil
Nur wenige Seiten umfasst Simone Weils Essai sur la lecture, ihr Versuch über das Lesen, den sie 1941 in Marseille unter dem Vichy-Regime verfasste – nur wenige Seiten, die doch konzentriert für ihr Denken zentrale Überlegungen zu Körperlichkeit und mystischer Erfahrung enthalten. Weil spürt auf diesen Seiten der Macht der Lektüre nach, dem Mysterium des Unerwarteten, das uns beim Anblick einer Zeichnung, beim Empfangen einer Nachricht, beim Lesen einiger Zeilen treffen mag. Wie können sich aber die Bedeutungen, die wir lesen, derart real anfühlen? Simone Weil verdeutlicht, dass jede Lektüre eine körperliche Erfahrung der Welt und ihrer Bedeutungen ist. Als zentraler Bezug zur Welt ist das Lesen auch unsere Verbindung zu anderen: »Ob Krieg, Politik, Rhetorik, Kunst oder Lehre: Jegliches Einwirken auf andere besteht im Grunde darin, zu verändern, was Menschen lesen.« In einer offenen Lektüre aber, im Lesen zwischen und abseits automatisierter und nationalistischer Lesarten besteht die Möglichkeit zu Widerstand und Kritik. Simone Weils Essai ist damit ein Aufruf zur freien und unbedingten Lektüre, zum Lesen als Lebensweise.
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