
von Luisa Eberhardt
Es gibt an dieser Küste eine Regel, an die niemand rührt: Wenn ein Notruf kommt, wird ausgelaufen. Ohne Rückfrage, ohne Abwägung, bei jedem Wetter. Jemand hat diese Regel zur Waffe gemacht. In der Nacht zum 27. Oktober läuft über Sturmtief "Ruth" ein Mayday ein. Ein Boot nimmt Wasser über, Position Südkante Hellersand, vier Seemeilen vor dem nordfriesischen Sielhafen Hellersiel. Die Seenotretter fahren hinaus, wie sie immer hinausfahren. Zwei Stunden später ist ein vierundzwanzigjähriger Freiwilliger tot und von dem Boot, das er retten sollte, fehlt jede Spur. Es hat nie eines gegeben. Insa Ketelsen, einundvierzig, Untersucherin bei der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung, soll klären, warum ein Rettungsboot gekentert ist, das sich selbst aufrichten kann. Ihr Auftrag ist eng: Sie ermittelt Ursachen, keine Schuld, und ihr Bericht darf vor keinem Gericht gegen einen Menschen verwendet werden. Genau deshalb reden die Leute mit ihr. Und genau deshalb ist sie die Einzige, die begreift, was in dieser Nacht wirklich geschehen ist. Denn auf der Tonaufzeichnung des Notrufs tobt draußen ein Sturm und hinter der Stimme ist kein einziger Windstoß zu hören. Der Mann, der um Hilfe ruft, sitzt in einem geschlossenen Raum. Die Kennung seines Geräts gehört zu einem Boot, das seit zwölf Jahren auf dem Grund liegt. Und die Position, die er durchgibt, ist auf den Meter genau der einzige Punkt im Revier, an dem zu dieser Stunde ein Boot querschlagen muss. Je tiefer Insa in die Tiden, Karten und alten Akten dieses Ortes gerät, desto klarer wird: Der Notruf galt nicht dem Toten. Er galt einem anderen. Und der wusste es. Ein Hafen, der seine Retter für unantastbar hält. Eine Mutter, die seit dreizehn Jahren jeden Funkspruch mithört. Ein Vormann, der in einer einzigen Februarnacht zwischen zwei Menschen im Wasser entscheiden musste. Und ein zweites Sturmtief, das bereits über Island steht. "Wen du zuerst ziehst" ist ein Küstenkrimi über Schuld, die nicht verjährt, weil sie nie ausgesprochen wurde nüchtern erzählt, fachlich genau recherchiert, mit Figuren, die man nicht mehr loswird, und einer Landschaft, die freundlich aussieht und zuverlässig tötet. Ein Roman für alle, die Spannung nicht aus Tempo, sondern aus Nähe beziehen. Lesen Sie die letzten dreißig Seiten nicht abends. Und wenn Sie das Buch zugeklappt haben, erzählen Sie anderen davon Geschichten wie diese leben davon, dass jemand sie weitergibt.
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