
von Karlheinz Moll, Max Frisch u. a.
Franz Kafkas Amerika, postum auch unter dem Titel Der Verschollene bekannt, erzählt die Geschichte des jungen Karl Roßmann, der nach einem familiären Skandal nach Amerika geschickt wird und dort in eine Folge undurchsichtiger Abhängigkeiten, Demütigungen und grotesker Hoffnungen gerät. Der Roman verbindet realistische Beobachtung mit traumlogischer Verzerrung: Hotels, Straßen, Behörden und Theater erscheinen als labyrinthische Ordnungen, in denen soziale Mobilität zugleich versprochen und verweigert wird. Im Kontext der literarischen Moderne steht das Werk zwischen Bildungsroman, Auswandererroman und früher Parabel entfremdeter Massengesellschaft. Kafka, 1883 in Prag geboren, lebte im Spannungsfeld jüdischer, deutscher und tschechischer Kultur und arbeitete in einer Versicherungsanstalt, deren bürokratische Erfahrungen sein Schreiben tief prägten. Obwohl er Amerika nie bereiste, schöpfte er aus Reiseberichten, Fotografien und zeitgenössischen Mythen über die Neue Welt. Karls Unsicherheit spiegelt Kafkas eigenes Bewusstsein für familiären Druck, gesellschaftliche Fremdheit und die Fragilität individueller Selbstbehauptung. Amerika empfiehlt sich Lesern, die Kafkas Werk jenseits der bekannteren düsteren Parabeln entdecken möchten. Der Roman ist zugänglicher, oft komischer, doch nicht weniger beunruhigend: eine präzise Studie über Hoffnung, Macht und Verlorenheit.
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