
von Wolfgang Ahrensmeier, Annett Steinführer u. a.
Iwan Bunins Das Dorf, 1910 erschienen, ist eine schonungslose Prosadichtung über das russische Landleben nach der Revolution von 1905. Im Mittelpunkt stehen die Brüder Tichon und Kusma Krasow, deren gegensätzliche Lebenswege doch in derselben geistigen Verarmung, sozialen Härte und historischen Ausweglosigkeit enden. Bunins Stil verbindet realistische Beobachtung, lyrische Präzision und eine fast naturalistische Unerbittlichkeit; das Dorf erscheint nicht als folkloristische Idylle, sondern als Symptom einer zerrissenen Nation am Vorabend des Umbruchs. Bunin, 1870 in eine verarmte adlige Familie geboren, kannte die russische Provinz aus eigener Erfahrung. Seine Herkunft zwischen Gutsbesitzerkultur und materiellem Niedergang schärfte seinen Blick für Standesdünkel, bäuerliche Not und moralische Desorientierung. Als späterer Emigrant und erster russischer Literaturnobelpreisträger bewahrte er eine skeptische Distanz zu revolutionären Heilsversprechen; Das Dorf entstand aus dieser tiefen Kenntnis und Beunruhigung. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die russische Literatur jenseits romantischer Klischees kennenlernen möchten. Es ist ein düsteres, kunstvoll komponiertes Schlüsselwerk, das soziale Analyse, psychologische Genauigkeit und historische Vorahnung eindrucksvoll vereint.
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