
von Adalbert Stifter
Adalbert Stifters Der Nachsommer, 1857 erschienen, ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Bildungs- und Entwicklungsromane des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht Heinrich Drendorf, dessen Begegnung mit dem Freiherrn von Risach und dem Rosenhaus eine umfassende Schulung des Sehens, Denkens und Empfindens auslöst. Die Handlung entfaltet sich weniger dramatisch als kontemplativ: Naturbeobachtung, Kunstverständnis, Ordnung, Maß und sittliche Reifung bilden das eigentliche Geschehen. Stifters präziser, ruhig ausgreifender Stil steht im Kontext des poetischen Realismus und der nachrevolutionären Suche nach kultureller Stabilität. Stifter, 1805 in Oberplan geboren, war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Maler, Pädagoge und Schulinspektor. Seine intensive Naturerfahrung, sein Interesse an Kunst und Denkmalpflege sowie seine Skepsis gegenüber politischer und moralischer Unordnung prägten dieses Werk entscheidend. Der Nachsommer erscheint als literarische Ausformung seines berühmten "sanften Gesetzes": der Überzeugung, dass das Beständige, Kleine und Geordnete die tiefste sittliche Kraft besitzt. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die nicht Spannung im herkömmlichen Sinn suchen, sondern geistige Vertiefung, ästhetische Genauigkeit und ein großes Modell humanistischer Bildung. Wer sich auf Stifters Langsamkeit einlässt, entdeckt einen Roman von stiller Monumentalität.
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