
Franz Grillparzers Trauerspiel "Des Meeres und der Liebe Wellen" gestaltet den antiken Mythos von Hero und Leander zu einer Studie über Liebe, Gesetz und religiöse Bindung. In streng komponierten Versen verbindet das Drama klassizistische Formklarheit mit psychologischer Feinzeichnung: Das Meer erscheint nicht nur als Schauplatz, sondern als poetisches Symbol jener Grenzräume, in denen Begehren, Pflicht und Schicksal aufeinanderstoßen. Grillparzer, 1791 in Wien geboren, schrieb aus der Erfahrung einer Epoche, die zwischen aufklärerischem Erbe, restaurativer Ordnung und romantischer Innerlichkeit stand. Seine eigene Empfindlichkeit gegenüber gesellschaftlichem Zwang, seine Kenntnis der antiken Stoffwelt und sein lebenslanges Interesse an der Tragik des individuellen Herzens prägen dieses Werk. Die Gestalt Heros spiegelt besonders Grillparzers Sinn für weibliche Selbstbehauptung innerhalb unnachgiebiger Institutionen. Dieses Drama empfiehlt sich Lesern, die antike Mythen nicht als bloße Erzählstoffe, sondern als Prüfsteine moderner Seelenkunde verstehen. Wer sprachliche Eleganz, dramatische Spannung und philosophische Tiefe sucht, findet hier eines der reifsten Werke des österreichischen Theaters: eine leise, unerbittliche Tragödie über die Würde und Gefährdung der Liebe.
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