
von Dirk Kurbjuweit, Peer Meter u. a.
Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs ist weit mehr als ein Bericht über den hannoverschen Serienmörder Fritz Haarmann. Theodor Lessing verbindet Gerichtsreportage, psychologische Fallstudie und kulturkritischen Essay zu einer schonungslosen Analyse der Weimarer Gesellschaft. Sein Stil ist präzise, polemisch und zugleich von philosophischer Tiefenschärfe; der Kriminalfall erscheint als Symptom sozialer Verwahrlosung, institutioneller Blindheit und moralischer Selbsttäuschung. Lessing, 1872 in Hannover geboren, war Philosoph, Publizist und einer der schärfsten Kritiker nationalistischer und bürgerlicher Ideologien seiner Zeit. Seine Herkunft aus der Stadt, in der Haarmann wirkte, sowie seine Erfahrung als jüdischer Intellektueller und Außenseiter schärften seinen Blick für Ausgrenzung, Machtmissbrauch und kollektive Verdrängung. Das Buch entspringt daher nicht bloßer Sensationslust, sondern einem erkenntniskritischen Interesse an Schuld, Milieu und Öffentlichkeit. Empfohlen sei Haarmann allen Lesern, die historische Kriminalliteratur nicht als Unterhaltung, sondern als Erkenntnisform begreifen. Lessings Text fordert dazu heraus, Verbrechen im Zusammenhang mit Gesellschaft, Sprache und Institutionen zu lesen. Er bleibt ein beunruhigendes, brillantes Dokument der Weimarer Moderne.
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