
von Lukas Hartmann, Norman Davies u. a.
Ein Werk, das sein Komponist verschwinden ließ. Am 6. Oktober 1951 wird bei den Donaueschinger Musiktagen Polyphonie X uraufgeführt – unter Hans Rosbaud, begleitet von Gelächter und Trillerpfeifen. Pierre Boulez zieht das Stück für 18 Soloinstrumente zurück und hält es zeitlebens für ein bloßes „Dokument“. Simon Tönies geht den Spuren nach: 89 Skizzenseiten der Paul-Sacher-Stiftung, Partiturautographe, Briefe. Er rekonstruiert die Entstehung aus dem vierteltönigen Großprojekt Première Polyphonie, korrigiert die Datierung und zeigt, wie Reihen, Rhythmuszellen und ein 7×7-Zahlenquadrat zusammenwirken – und wo Boulez frei eingreift. Von der „totalen Determination“ bleibt wenig übrig; stattdessen ein Material mit Eigensinn, das dem Komponisten entgleitet. Daraus entwickelt Tönies mit Adorno, Barad und Latour einen erweiterten Werkbegriff, der bis zu Fragen generativer Kunst und Künstlicher Intelligenz reicht – ein Plädoyer für die Wiederaneignung eines verstellten Stücks.
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