
von Charles Dickens
Martin Chuzzlewit entfaltet in weit ausgreifender, episodischer Form eine Satire auf Eigennutz, Erbschleicherei und moralische Selbsttäuschung im viktorianischen England. Um die Familie Chuzzlewit gruppiert Dickens Figuren von grotesker Schärfe: den scheinheiligen Architekten Pecksniff, den düsteren Jonas und den unerschütterlich heiteren Mark Tapley. Der Roman verbindet picareske Bewegung, melodramatische Spannung und komische Überzeichnung mit präziser Gesellschaftsbeobachtung; besonders die amerikanischen Kapitel erweitern den englischen Familienroman zu einer transatlantischen Kritik moderner Selbstvermarktung. Charles Dickens schrieb das Werk 1843 bis 1844 in Fortsetzungen, unmittelbar nach seiner ersten Amerikareise von 1842. Die dort erfahrene Diskrepanz zwischen demokratischem Ideal und sozialer Wirklichkeit prägte die scharfen Passagen über Spekulation, Pressewesen und nationale Eitelkeit. Zugleich schöpfte Dickens aus seiner lebenslangen Sensibilität für Armut, Abhängigkeit und institutionelle Heuchelei, die aus eigener Kindheitserfahrung und journalistischer Praxis erwuchs. Martin Chuzzlewit zeigt ihn als Romancier, der Unterhaltung, moralische Analyse und öffentliche Intervention untrennbar verbindet. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die Dickens nicht nur als Erzähler liebenswerter Exzentriker, sondern als strengen Diagnostiker sozialer Pathologien entdecken möchten. Seine Fülle verlangt Aufmerksamkeit, belohnt aber mit sprachlicher Vitalität, psychologischem Witz und einer bis heute aktuellen Untersuchung des Egoismus.
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