
von Friederike Buchner, Juergen Rehberg u. a.
"Und hätte der Liebe nicht" entfaltet, schon im paulinischen Titel, ein Programm sittlicher Prüfung: Menschliches Handeln wird daran gemessen, ob es von Liebe getragen ist oder in Pflicht, Stolz und Konvention erstarrt. Anna Schieber verbindet erzählerische Klarheit mit psychologischer Beobachtung und einer vom süddeutsch-protestantischen Milieu geprägten Ethik. Ihr Stil ist unaufdringlich, dialognah und zugleich meditativ; das Buch steht im Kontext jener bürgerlich-christlichen Erzählliteratur, die Alltagsleben, Gewissenskonflikt und soziale Verantwortung literarisch ernst nimmt. Anna Schieber, 1867 in Esslingen geboren und 1945 gestorben, zählt zu den prägenden Stimmen schwäbischer Literatur. Ihre Erfahrungen als Lehrerin, ihre Nähe zu diakonischen und sozialen Fragen sowie ihre genaue Kenntnis weiblicher Lebenswelten gaben ihrem Schreiben besondere Glaubwürdigkeit. Wiederkehrend interessierte sie, wie Frömmigkeit praktisch wird: nicht als Formel, sondern als tätige Zuwendung zum verletzlichen Menschen. Empfohlen sei dieses Buch Lesern, die keine bloße Unterhaltung, sondern eine stille, moralisch wache Prosa suchen. Es erschließt historische Lebensformen und stellt zugleich eine zeitlose Frage: Was bleibt von Bildung, Pflicht und Erfolg, wenn die Liebe fehlt?
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