
von Leopold Schefer
Der arme Dschem entfaltet die tragische Geschichte des osmanischen Prinzen Dschem, Sohnes Mehmeds II. und Rivalen seines Bruders Bajesid II., der nach verlorener Thronfolge zum Spielball europäischer Mächte wird. Schefer verbindet historischen Roman, politisches Tableau und moralphilosophische Reflexion: Der exotische Schauplatz dient nicht bloßer Koloristik, sondern der Untersuchung von Herrschaft, Gefangenschaft, religiöser Differenz und menschlicher Würde im Übergang zwischen Orient und Abendland. Leopold Schefer, 1784 in Muskau geboren, war Dichter, Erzähler, Komponist und ein kosmopolitisch gebildeter Humanist des 19. Jahrhunderts. Seine Nähe zu Fürst Pückler-Muskau, seine Reisen in den Mittelmeerraum und den Vorderen Orient sowie seine liberale, oft pazifistische Weltanschauung prägten sein Interesse an historischen Grenzfiguren. Dschem bot ihm eine ideale Gestalt: ein Fürst ohne Reich, zugleich Opfer dynastischer Gewalt und europäischer Machtpolitik. Dieser Roman empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die historische Literatur nicht nur als Rekonstruktion vergangener Ereignisse, sondern als kritische Befragung politischer Moral verstehen. Schefers Prosa verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie jedoch mit geistiger Weite, psychologischer Anteilnahme und einem bemerkenswert modernen Blick auf kulturelle Verflechtung.
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