
von Carolyn Wells
Die goldene Tasche entfaltet sich als klassischer amerikanischer Detektivroman des frühen 20. Jahrhunderts, in dem ein Mordfall um Joseph Crawford durch ein scheinbar nebensächliches Indiz - eine goldene Damentasche - in ein Netz aus Verdacht, Erbschaftsinteressen und gesellschaftlicher Maskerade führt. Carolyn Wells verbindet die analytische Rätselkonstruktion der Poe- und Doyle-Tradition mit der eleganten Konversationsprosa des Gesellschaftsromans; ihr Stil ist klar, pointiert und auf die methodische Enthüllung verborgener Motive ausgerichtet. Als früher Fleming-Stone-Roman steht das Werk im Übergang zur späteren Golden-Age-Mystery und zeigt bereits deren Lust an fairer Spurensetzung. Carolyn Wells, geboren 1862 in Rahway, New Jersey, war Bibliothekarin, Lyrikerin, Humoristin und eine außerordentlich produktive Verfasserin von Kriminal- und Rätselliteratur. Ihre bibliophile Bildung, ihre Beschäftigung mit Wortspielen und logischen Paradoxien sowie ihr Gespür für urbane Umgangsformen prägen diesen Roman. In Fleming Stone bündelte sie das Ideal eines Detektivs, der weniger durch Gewalt als durch Disziplin, Beobachtung und interpretierende Vernunft überzeugt. Die goldene Tasche empfiehlt sich allen, die historische Kriminalliteratur nicht nur als Unterhaltung, sondern als Dokument kultureller Wahrnehmungsformen schätzen. Das Buch bietet ein sorgfältig arrangiertes Rätsel, psychologische Andeutungen und ein präzises Bild bürgerlicher Sitten. Wer die Entwicklung des Genres verstehen möchte, findet hier ein instruktives, reizvolles Lektüreerlebnis.
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